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Weshalb ich mich für die Legalisierung von Cannabis einsetze

Hanfblatt | Public Domain, Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Potleaf.jpgVielen meiner Kontakte in sozialen Netzwerken ist es sicher schon aufgefallen, vereinzelt wurde ich auch darauf angesprochen, dass ich mich seit einiger Zeit mehr oder weniger aktiv für die Legalisierung von Cannabis einsetze und entsprechend manchmal eine Flut von Links, Bildern und Artikeln zu dem Thema teile. Tut mir leid, falls das die Grenze zum Nervenden evtl. mal tangiert oder gar überschritten hat, dazu noch ohne Erläuterung. ;-) Jetzt habe ich endlich mal Zeit gefunden, diesen Blogeintrag fertig zu stellen, den ich schon seit einer Weile vorbereitet habe.

Zunächst einmal vorweg: Ich konsumiere keine illegalen THC-haltigen Cannabis-Produkte und auch sonst keine verbotenen Substanzen. Dass sich ersteres mit einer Legalisierung ändern könnte, um das – sowieso nur gelegentliche – Feierabendbierchen zu ersetzen, möchte ich nicht bestreiten. Auch möchte ich die möglichen Gefahren von Cannabis nicht klein reden. Aber selbst als Nicht-“Kiffer” sehe ich genügend gute Argumente, die für eine Legalisierung sprechen und eventuelle Bedenken überwiegen.

Eine viel banalere Erklärung für meinen Einsatz ist vielleicht auch, dass ich seit dem Austritt aus der Piratenpartei nach anderen Möglichkeiten suche, mich weiterhin politisch zu engagieren. Und gerade bei diesem Thema ist die Möglichkeit, tatsächlich relativ zeitnah etwas mitbewegen zu können, nicht unwahrscheinlich.

Überhaupt in Berührung mit dem Thema bin ich übrigens vor etwa zwei Jahren über legale Hanflebensmittel (ursprünglich zur Allergie-Milderung und gegen Drüsenprobleme unseres Hundes) gekommen, denen ich einen eigenen Abschnitt widmen werde.

Dieser Beitrag wird sehr umfangreich ausfallen, deshalb hier die wichtigsten Punkte im Überblick, der gleichzeitig als Inhaltsverzeichnis dienen soll. Wer lesefaul ist oder keine Zeit hat, kann sich gerne auch einzelne in sich geschlossene Themenfelder herauspicken.

Inhaltsverzeichnis [+ tl;dr]:

  1. Verbote müssen in regelmäßigen Abständen auf den Prüfstand
  2. Das Strafrecht ist unangemessen und ungeeignet, um Drogen-Prävention zu erzielen
  3. Die Prohibition ist gescheitert
  4. Cannabis ist keine Einstiegsdroge
  5. Cannabis macht weniger abhängig und ist unschädlicher als Alkohol und Zigaretten
  6. Cannabis ansich ist nicht für Psychosen verantwortlich
  7. Die Prävention verhindert den Einsatz von Cannabis in der Medizin
  8. Das Verbot von Cannabis beruht auf rassistischen, politischen und wirtschaftlichen Interessen
  9. Auch der Eigenanbau von legalem, nicht-berauschendem Lebensmittelhanf ist in Deutschland verboten, obwohl er ein gesundes Nahrungsmittel ist
  10. Hanf ist viel mehr als eine Droge
  11. In den Händen von Jugendlichen hat Cannabis natürlich nichts zu suchen
  12. Der Straßenverkehr sollte komplett drogenfrei sein

Zunächst zwei Doku-Empfehlungen, immerhin aus dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen und damit doch hoffentlich auch für den schärfsten Kritiker neutral genug. Ein guter Einstieg ist die WDR-Sendung “Quarks & Caspers: Kiffen – 7 Dinge, die Sie wissen sollten!”, die die Debatte von einem neutralen Standpunkt aus beleuchtet. (Achtung: fast 45 Minuten, gerne erst den Beitrag lesen… ;-))

Noch neuer – und mit unter einer halben Stunde auch etwas kürzer – ist die ZDF-Dokumentation “Zoff ums Kiffen”, die sich der Frage widmet, ob Deutschland beim Thema Legalisierung hinterher hinkt:

Hier aber nun die meiner Meinung nach wichtigsten Punkte – nicht alles per se Legalisierungsargumente, sondern teils auch einfach Hintergrundinformationen – die ich versucht habe, nach Möglichkeit mit Quellen und Belegen zu untermauern. Denn daran mangelt es bei argumentierenden Befürwortern und selbst in einschlägigen Publikationen leider sehr oft.

Verbote müssen in regelmäßigen Abständen auf den Prüfstand

Insbesondere von CDU-/CSU-Politikern wird gerne nach dem Schema argumentiert: “Cannabis ist und bleibt verboten, weil es eine illegale Droge ist”. Wir halten fest: Das Verbot hat alleine dadurch seine Berechtigung, weil es besteht, und daran darf nicht gerüttelt werden. Aha.

In einer freiheitlichen, demokratischen Gesellschaft sollten Verbote sich regelmäßig Überprüfungen stellen und nach neuesten wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Erkenntnissen neu bewertet werden. Ein Verbot ist immer ein Eingriff in die Grundrechte und hat sich am Prinzip der Verhältnismäßigkeit zu orientieren. 1 2

Dennoch werden die Gegner in der Cannabis-Debatte seit Jahrzehnten nicht müde, immer wieder die selben alten, mittlerweile größtenteils widerlegten Argumente anzuführen. Ganz vorne mit dabei unsere aktuelle Drogenbeauftragte Marlene Mortler (CSU), die erst jüngst in der Bundestags-Debatte über den Entwurf des Cannabiskontrollgesetzes (siehe Aufzeichnung) wieder einmal durch Unsachlichkeit glänzte. 3

Wären Gesetze unveränderbar in Stein gemeißelt, dürften Frauen heute nicht wählen, Homosexualität wäre strafbar und Richter würden die Todesstrafe verhängen.

Das Strafrecht ist unangemessen und ungeeignet, um Drogen-Prävention zu erzielen

Dieser Meinung sind unter anderem auch der Polizeipräsident von Münster 4 5, der Vorsitzende der Polizeigewerkschaft 6, sowie 122 Strafrechtsprofessoren, die unter dem Namen “Schildower Kreis” gemeinsam eine Resolution unterschrieben haben 7. In ihrem Statement schreiben letztere unter anderem:

Mit der Drogenprohibition gibt der Staat seine Kontrolle über Verfügbarkeit und Reinheit von Drogen auf.
Nicht die Wirkung der Drogen ist das Problem, sondern die repressive Drogenpolitik schafft Probleme. Die überwiegende Zahl der Drogenkonsumenten lebt ein normales Leben. Selbst abhängige Konsumenten bleiben oftmals sozial integriert. Menschen mit problematischem Drogenkonsum brauchen Hilfe. Die Strafverfolgung hat für sie und alle anderen nur negative Folgen.

Die Prohibition ist gescheitert
Prohibition soll den schädlichen Konsum bestimmter Drogen verhindern. Tatsächlich kann sie dieses Ziel nicht erreichen. Das zeigen alle wissenschaftlich relevanten Untersuchungen. Sogar die Evaluation des 10-Jahres-Programms der UNO zur Drogenbekämpfung kommt im Jahr 2008 zu diesem Schluss. […]
Prohibition schreckt zwar einige Menschen ab, verhindert aber Aufklärung und vergrößert gleichzeitig dramatisch die gesundheitlichen und sozialen Schäden für diejenigen, die nicht abstinent leben wollen. Selbst in totalitären Regimen und Strafanstalten kann Drogenkonsum nicht verhindert werden.

Quelle: http://www.schildower-kreis.de/

Auch der Berliner Jugendrichter Andreas Müller fordert die kontrollierte Freigabe von Cannabis. In einem Interview mit ZEIT ONLINE äußert er sich wie folgt:

“All diese Verfahren, von denen viele wieder eingestellt werden, binden Energie, Personal und Geld. Je nach Bundesland und Staatsanwalt werden die Kiffer mal härter, mal weniger hart verfolgt. Werden sie öfter erwischt, werden sie möglicherweise angeklagt nur wegen ein paar Gramm. Das verändert und zerstört Leben. […] überwiegend trifft es eben Konsumenten, harmlose Normalbürger.

Egal, ob wir Cannabis kriminalisieren oder nicht, es wird sowieso genommen. Kein Gesetz hält die Menschen davon ab. Die schlimmste Nebenwirkung der Prohibition ist die Kriminalisierung selbst. So schaffen wir Hunderttausende oder Millionen Kriminelle, die keine sind. Von denen geht keine Gefahr aus, aber sie werden gebrandmarkt.”

Dabei hätte Müller allen Grund, Drogen zu verteufeln. Als er 11 ist, stirbt sein alkoholkranker Vater, sein älterer Bruder dealt mit Cannabis, fliegt von der Schule, wird heroinabhängig.Doch der Richter beurteilt eben nach Faktenlage und lässt sich nicht, wie viele Politiker in der Diskussion, von Emotionen leiten.

Eine Studie der EU-Drogenbeobachtungsstelle EBDD kommt zu dem Ergebnis, dass zwischen der Härte der Strafverfolgung und dem Drogenkonsum kein Zusammenhang hergestellt werden kann. 8

Konsumiert wird also auch bei hartem Durchgreifen. Es ist nun mal so, dass je nach Schätzung zwischen 2 und 4 Millionen Menschen in Deutschland (entsprechend 2,5-5% der Bevölkerung) regelmäßig Cannabis konsumieren. 9 Ein Viertel aller Deutschen hat laut Befragungen schon einmal im Leben Cannabis zumindest probiert. Das ist die Realität, trotz des Verbots. Menschen, die sich sonst nichts anderes zu Schulden kommen lassen und ein ganz normales, gut sozialisiertes Leben führen, wird nicht die Droge zum Verhängnis, sondern die Strafverfolgung. Sie müssen Hausdurchsungen vor den Augen der Nachbarn über sich ergehen lassen, verlieren ihren Führerschein, ihre Arbeitsstelle, müssen hohe Geldstrafen zahlen, oder im Extremfall sogar im Gefängnis einsitzen. Das alles wohlgemerkt für ein – von der möglichen Selbstschädigung abgesehen – opferfreies Delikt, bei dem kein Rechtsgut verletzt wird.

Wer wird dadurch geschützt? Die Millionen von Euro, die jährlich mit der Strafverfolgung verpulvert werden, wären in Aufklärung und Prävention sicher sinnvoller investiert.

Cannabis ist keine Einstiegsdroge

Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen schreibt hierzu in ihrer Infobroschüre “Cannabis Basisinformationen” (S.18):

Das Risiko des Umstiegs auf andere „härtere“ Drogen
wurde lange Zeit unter dem Stichwort „Einstiegsdroge
Cannabis“ kontrovers diskutiert, ist jedoch nicht mehr
haltbar. Auch wenn viele Heroinabhängige früher Cannabis
geraucht haben, ist der Umkehrschluss falsch:
Nur ein geringer Anteil der Cannabiskonsumenten
steigt langfristig auf andere Drogen um.

Auch hierzu nochmal der Jugendrichter Andreas Müller, mit einem klaren Statement in einem Interview mit SWR1:

Dabei beruft er sich auf die als “Cannabis-Urteil” bekannt gewordene Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts von 1994. Mehr dazu hier, hier und hier. Kurz gesagt verneint das BVG auf Grundlage mehrerer Sachverständigengutachten die Einstiegsdrogen-Theorie.

Bei der Einstiegsdrogen-Argumentation wird der fehlende kausale Zusammenhang ignoriert. Kurz ein paar Gedanken- und Zahlenspiele, aus denen hoffentlich klar wird, warum diese Theorie nicht stimmen kann:

Cannabis macht weniger abhängig und ist unschädlicher als Alkohol und Zigaretten

74.000 Menschen sterben jedes Jahr schätzungsweise an den Folgen übermäßigen Alkoholkonsums 12, 110.000 an den Folgen des Rauchens. Tote durch Cannabis sind zu verzeichnen: 0.

Auch wenn letztes Jahr durch verschiedene Medien Berichte über die angeblich ersten nachgewiseenen Cannabis-Toten geisterten: Auch hier ließ sich kein kausaler Zusammenhang nachweisen 13 – aber für die BILD war es natürlich die ideale Gelegenheit, reißerisch mit “Totgekifft!” aufzumachen, ohne die Faktenlage zu prüfen.

Eine in Deutschland durchgeführte Studie (mit Tierversuchen :-( – unter anderem übrigens in Karlsruhe…) hat das Verhältnis zum Alkohol sogar in eine Zahl gepackt, wie aussagekräftig die nun auch immer sein mag: Alkohol ist 114 Mal tödlicher als Cannabis. 14

Natürlich begründet die Gefährlichkeit der beiden “großen” legalen Drogen in unserer Gesellschaft nicht die Hinzunahme einer weiteren. Vielmehr sollte sie doch zu dem Schluss führen, dass Alkohol und Tabak ein für alle Mal verboten gehören. Allerdings wird wohl kaum jemand ernsthaft daran glauben, dass das möglich wäre. Eine drogenfreie Gesellschaft ist eine Utopie. Politiker (auch die, die vehement gegen eine Liberalisierung des Betäubungsmittelgesetzes stimmen), die sich auf Volksfesten grinsend mit Maßkrügen ablichten lassen, sind der lebende Beweis und sorgen aktiv dafür, dass das so bleibt.

Auch wenn die Frage strittig ist, ob es ein “Recht auf Rausch” gibt, so gibt es eben Menschen, die keinen Tropfen Alkohol anrühren, keinen Tabak rauchen und stattdessen nach getaner Arbeit lieber mit Cannabis entspannen. (Das geht übrigens auch ganz ohne Rauch durch Verdampfen oder orale Aufnahme in Form von Tee oder Gebäck, denn natürlich enthält Rauch immer schädliche, krebserregende Bestandteile und ist somit die ungesündeste aller Aufnahmemöglichkeiten.) Diese Menschen schaden keinem Dritten, und sich selbst wie gesagt sogar weniger als mit den anderen beiden Substanzen.

Hier noch ein kleiner Biologie-Exkurs: Während es sich bei Alkohol um ein körperfremdes Zell- und Nervengift handelt 15, besitzt der menschliche Körper sogar ein eigenes Cannabinoidsystem (genauer das endogene ~ – oder kurz: Endo-Cannabinoidsystem, mit den Cannabinoid-Rezeptoren CB1 und CB2), mit dem die verschiedenen Stoffe, die in Cannabis enthalten sind, interagieren. Neben dem bekanntesten, psychoaktiven Wirkstoff THC (Tetrahydrocannabinol) enthält die Hanfpflanze nämlich eine Vielzahl (über 60) weiterer, teils noch unerforschter sogenannter Cannabinoide. Dieses System spielt unter anderem mit dem Belohnungszentrum des Gehirns zusammen, daher der Stressabbau und die Fähigkeit zur Schmerzlinderung. 16

Doch unser Körper besitzt dieses System nicht etwa zu dem Zweck, um auf die Stoffe einer Pflanze reagieren zu können – das wäre schon evolutionstechnisch eher unwahrscheinlich – er bildet sogar körpereigene Cannabinoide 17, die jeder von uns schon mit der Muttermilch als Appetitanreger aufgesogen hat. 18 19

Cannabis ansich ist nicht für Psychosen verantwortlich

Wie eben erwähnt, kennen die meisten Menschen wenn überhaupt nur THC als Bestandteil von Cannabis. Einer der vielen weiteren enthaltenen Stoffe ist das Cannabidiol, kurz CBD. Es dient quasi als Gegenspieler zu THC, wirkt also anti-psychotisch. Durch den Drang des Schwarzmarktes, möglichst potentes Gras gewinnbringend zu verkaufen, wurden Hanfsorten gezüchtet, die einen hohen THC-Anteil, aber einen umso geringeren CBD-Anteil enthalten.

Der Zusammenhang zwischen THC und Psychosen ist noch nicht eindeutig wissenschaftlich geklärt; Die “Cannabispsychose” schlechthin gibt es aber höchstwahrscheinlich nicht. Aktuell gehen Wissenschaftler davon aus, dass THC zwar bei bereits anfälligen Personen der Auslöser für eine Psychose sein kann, nicht jedoch deren Ursache ist. So neigen zum Beispiel Schizophreniekranke eher zum Cannabismissbrauch als Selbstmedikation, aber es ist nicht gesagt, dass die Krankheit durch den Missbrauch ausgelöst wurde. 20 21 22

Die Prävention verhindert den Einsatz von Cannabis in der Medizin

Dass zumindest der Zugang für Patienten erleichtert werden muss, hat inzwischen endlich selbst die Drogenbeauftragte begriffen. 23

Das Thema wurde Mitte 2014 weiter ins Zentrum des öffentlichen Interesses gerückt, durch eine Entscheidung des Kölner Verwaltungsgerichtes, dass der Eigenanbau von Cannabis zu Medikamentations-Zwecken Patienten nicht grundsätzlich verwehrt werden darf. 24. Seitdem tut sich einiges, und es ist nur eine Frage des “wann” und der rechtlichen Hürden, als eine Frage des “ob”. Deshalb möchte ich auf das Thema nicht so intensiv eingehen, obwohl ich der Ansicht bin, dass es absolute Priorität vor einer eventuellen Freigabe für den Freizeitgebrauch hat und notfalls auch unabhängig davon, nicht als Gesamtpaket “ganz oder gar nicht”, durchgesetzt werden muss.

Hier nur eine Auswahl an Krankheiten, bei denen Cannabis Linderung verschafft oder sogar die Heilung vorantreibt bzw. unterstützt: ADHS (ganz egal, ob man das jetzt als Krankheit akzeptieren mag, oder als neumodische Erscheinung herunterstuft), Multiple Sklerose, Epilepsie, Tourette, Krebs (Schmerzlinderung, Unterdrückung von Übelkeit, Appetitanregung, insbesondere während Chemotherapien), AIDS. Es gibt auch bereits Forschungsergebnisse, die sogar die Möglichkeit zur Bekämpfung von Tumorzellen nahelegen.

Das Verbot von Cannabis beruht auf rassistischen, politischen und wirtschaftlichen Interessen

Warum nun ist dann trotz all der Fakten Cannabis überhaupt verboten worden? Bis in die 1930er Jahre wurde Hanf vielseitig eingesetzt (siehe unten, Hanf ist viel mehr als eine Droge). Die Gründe für das Verbot waren nicht etwa neue wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse über die Gefährlichkeit der Wirkung, sondern rein politischer Natur. 1933 war die Alkoholprohibition in den USA gescheitert, da sie einfach nicht funktionierte – aber anscheinend brauchte man dafür einen Ersatz-Sündenbock. Harry J. Anslinger, der Vorsitzende des Federal Bureau of Narcotics (FBN) war maßgeblich daran beteiligt, Cannabis international genau dazu zu machen. Bewusst importierte er den mexikanischen Begriff “Marihuana” als Bezeichnung für die angebliche “Mörderdroge”, um den bis dahin ausschließlich positiv assoziierten Hanf (und dessen lateinischen botanischen Namen cannabis sativa) nicht zu verwenden. Darauf fielen selbst Ärzte hinein, die Cannabis seit über hundert Jahren als Heilpflanze gegen unterschiedliche Krankheiten einsetzten; und ihre Beschwerden, als sie ebendies entdeckten, kamen zu spät. 25 Um so besser funktionierte das natürlich beim durchschnittlichen Bürger.

Das Portal “Planet Wissen” (u.a. vom WDR und SWR) schreibt in einem lesenswerten Artikel 26:

In nur 100 Jahren war die allseits beliebte und benötigte Hanfpflanze nicht nur als Rauschmittel, sondern auch als Rohstofflieferant verdrängt, verdammt, verbannt worden. Was war passiert? […]

1933 hob der amerikanische Präsident Franklin Roosevelt die Alkohol-Prohibition auf. […] Etwa 8000 Arbeitskräfte, Polizisten und Kontrollbeamte, die für die Überwachung der Prohibition zuständig gewesen waren, standen nun ohne Arbeit da. So unterstützte die US-Regierung das eigens eingerichtete Drogendezernat “Federal Bureau of Narcotics” bei dem nun beginnenden Kampf gegen den Hanf. […] Tausende Amerikaner wurden zu hohen Geldstrafen und Gefängnis verurteilt. Es war eine diffuse Mischung aus Geltungssucht, Misstrauen und rassistisch motivierter Abneigung gegenüber der schwarzen Bevölkerung, die zu den Armen der Gesellschaft gehörten und Cannabis konsumierten, die Anslingers Propagandamaschine an Fahrt gewinnen ließ. Denn im Grunde ging es um den offen zutage tretenden Rassismus der weißen Bevölkerung. Cannabis war zum Symbol einer durch diesen Rassismus polarisierten amerikanischen Gesellschaft geworden.

(Hervorhebung durch mich)

Anslinger behauptete damals, dass 50% aller Schwerverbrechen von Lateinamerikanern und Farbigen begangen und oft unmittelbar auf den Konsum von Cannabis folgen würden. Beides war natürlich völlig erfunden. Der – vermutlich von Anslingers Arbeitgeber finanzierte – Film “Reefer Madness”, in dem aus braven Bürdern direkt nach dem Konsum von Cannabis wahnsinnige Mörder werden, sollte diese Argumentation unterstreichen, war aber genauso an den Haaren herbeigezogen.

Auf dem Sterbebett hat Anslinger dann letzten Endes sogar zugegeben, die Prohibition einzig und allein zur Durchsetzung politischer Macht vorangetrieben zu haben. Fast alle seiner Belege waren erfunden oder aus dem Zusammenhang gerissen.

Wer hat(te) noch ein Interesse am Verbot von Hanf? Damals war es die Baumwollindustrie, heute ist es die Pharmaindustrie. Wieso die Baumwollindustrie? Dazu mehr unter Hanf ist viel mehr als eine Droge. Und die Pharma-Industrie möchte natürlich lieber Geld mit chemischen Keulen verdienen – eine Pflanze lässt sich eben nicht patentieren. Wie und wogegen Cannabis als Medizin wirken kann, ist im entsprechenden Abschnitt zu finden.

Dafür, dass das Verbot fast ausschließlich politisch motiviert ist, unterschätzt die Politik jedoch die durch eine Legalisierung ermöglichten Steuereinnahmen. Natürlich sind diese für sich alleine genommen kein Grund zur Legalisierung. Von Kritikern kommt oft der Einwurf, “da könnte man ja gleich jegliche Verbrechen erlauben und besteuern”. Hier haben wir wieder den offensichtlichen Gegensatz von Selbstschädigung/opferloses Delikt zu einem schützenswerten berechtigten Interesse Dritter auf Schutz. Wie diese Einnahmen außerdem sinnvoll für Prävention genutzt werden könnten, siehe In den Händen von Jugendlichen hat Cannabis natürlich nichts zu suchen.

Und zu den lieben Politikern, die gerne vorschieben, dass der Bürger vor sich selbst geschützt werden müsse – das sind dann die, die sich bei jeder Gelegenheit auf Volksfesten – wie z.B. der größten offenen Drogenszene in Deutschland, dem Oktoberfest 27 – mit dem Maßkrug in der Hand ganz volksnah abbilden lassen.

Auch der Eigenanbau von legalem, nicht-berauschendem Lebensmittelhanf ist in Deutschland verboten, obwohl er ein gesundes Nahrungsmittel ist

Erst seit den 1990er Jahren ist der landwirtschaftliche Anbau von nach EU-Auflagen nahezu THC-freiem Hanf (so genanntem „Industriehanf“ mit unter 0,2% THC) in Deutschland wieder erlaubt. Was viele nicht wissen: Es gibt bereits ein breites (haha…) Sortiment an völlig legalen Lebensmitteln zu kaufen – im Reformhaus, im Bio-Markt oder sogar bei Amazon: Hanfsamen, Hanföl, Hanfmehl, Hanftee (z.B. auch die zwei Sorten Nr. 1122, Chillma® und Nr. 1282, Liebe-voll® von TeeGschwendner). All das natürlich auch weiterverarbeitet zu Hanfschokolade, Hanf-Backwaren, und und und. Natürlich völlig wirkungsfrei, also nicht psychoaktiv berauschend.

Alles ist aus eigener Erfahrung auch sehr empfehlenswert und: Hanf ist gesund! Das Öl der Samen (biologisch gesehen Nüsse, also Hanfnüsse) enthält unter anderem die wichtige Gamma-Linolsäure sowie zahlreiche Aminosäuren, die der Körper nicht selbst synthetisieren kann. Aber: Ich kann mir mein eigenes Pfefferminzbüschchen oder Salbei auf den Balkon stellen, um frischen Tee genießen zu können. Bei Hanf ist der Eigenanbau – auch der THC-freien Sorten(!) – als Privatperson hingegen verboten und wird ebenfalls als Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz geahndet! Man benötigt tatsächlich eine agrarwirtschaftliche Anbaugenehmigung, auch für „drogenfreien“ Hanf.

Diesen Irrsinn muss man sich mal vor Augen führen: Ich darf diese Samen kaufen, ich darf diese Samen essen. Ich darf diese Samen als Vogelfutter ins Vogelhäuschen füllen. Aber sobald ich einen in die Erde stecke und zum Keimen bringe – er muss noch nicht mal blühen – mache ich mich strafbar. Weil mich der Gesetzgeber davor bewahren will, dass ich mich selbst schädige (was ohne THC in der Pflanze aber nicht möglich ist – deshalb darf ich die Pflanzen ja auch als Tee trinken, sofern sie ein Bauer für mich angebaut und geernet und sie mir dann verkauft hat). Wie viele andere Pflanzen es wohl gibt, die ich mir völlig ohne Konsequenzen in den Vorgarten pflanzen darf, die ebenfalls Rauschzustände hervorrufen, oder mit denen ich im Gegensatz zu Hanf soger mich oder andere vergiften kann?

Hanf ist viel mehr als eine Droge

Für die Gebrüder Grimm war Cannabis so normal, dass sie folgende Volksweisheit in ihr “Deutsches Wörterbuch” aufnahmen:

“Mancher Schad ist nicht zu heilen
durch die Kräuter dieser Welt
Hanf hat viel verzweifelt Böses
gut gemacht und abgestellt.”

Ich habe nun schon einige Anwendungsfälle genannt, unter anderem als Nahrungsmittel oder Medizin. Weitere Felder möchte ich noch kurz mit einigen Zitaten anreißen und dann auch langsam endlich zum Ende kommen.

Kleidungsfasern:
Schon jetzt gibt es Hanftextilien von unterschiedlichen Herstellern. Leider sind Klamotten aus Hanf als Nischenprodukt noch vergleichsweise eher teuer. Auf dem Global Marijuana March in Mannheim konnte ich vor einer Woche an einem Stand von Cannamoda mal ein paar Produkte befühlen und sie fühlen sich sehr angenehm und hautfreundlich an, ähnlich Leinen. Hanfjeans sollen auch sehr angenehm zu tragen und außerdem sehr robust und somit lange haltbar sein.

Papierherstellung:
Auf Wikipedia ist dazu im Artikel Hanfpapier” zu lesen:

Der älteste Nachweis von Papier aus Hanffasern von 140–87 v. Chr. stammt aus China und stellt damit den ältesten Papierfund Chinas dar. Hanfpapier wurde etwa ab dem Jahr 105 in China populär, gelangte aber erst im 13. Jahrhundert über den Vorderen Orient nach Europa. In Deutschland ist es für das 14. Jahrhundert erstmals nachgewiesen. Erst im 19. Jahrhundert wurden Verfahren zur Herstellung von Papieren aus Holz-Zellstoff etabliert, die preislich günstiger waren als die Hanfpapierherstellung und diese vor allem im Bereich der Schreib- und Druckpapiere verdrängten.

Autobau:
Henry Ford (ja, genau der Henry Ford) hat bereits 1941 das sogenannte „Hemp-Car“ (Hanf-Auto) gebaut und sogar zum Patent angemeldet. 28. Denn aus Hanf lassen sich auch kunststoffähnliche Bauteile anfertigen. Wäre die Prohibition nicht gewesen – vielleicht wären wir heute mit Autos aus größtenteils nachwachsenden Rohstoffen und Hanf als Kraftstoff unterwegs.

Dämmmaterial:
Hanf eignet sich auch hervorragend als Dämmstoff für Häuser, Fassaden und Dächer. Eine mutige Unternehmerin erhielt dafür 2013 sogar den Deutschen Umweltpreis. 29

In den Händen von Jugendlichen hat Cannabis natürlich nichts zu suchen

“Denkt doch auch mal einer an die Kinder!” (u.a. ein Zitat aus den Simpsons 30), ist inzwischen teilweise zum ironischen geflügelten Wort bei politischen Diskussionen geworden, da es – ob beim Thema Vorratsdatenspeicherung oder eben auch Legalisierung von Cannabis – gerne als Totschlagargument verwendet wird.

Aber natürlich ist es auch richtig, dass Cannabis von Jugendlichen genausowenig konsumiert werden sollte wie Alkohol oder Tabak. Allerdings können wir es nicht verhindern, bei vielen gehört es zum Erwachsenwerden dazu. Und traurige Realität ist es jetzt zu Zeiten des Verbots leider auch, dass Jugendliche heute oft einfacher an Haschisch oder Gras gelangen, als an harte Alkoholika, die kontrolliert abgegeben werden. Wir haben die jugendlichen Konsumenten also jetzt schon. Und gerade bei diesen ist das Gefahrenpotenzial aufgrund des noch nicht vollständig ausgereiften Gehirns tatsächlich gegeben. Und darum will auch kein ernstzunehmender Legalisierungs-Befürworter Cannabis ohne Jugendschutz oder gar an Kinder freigeben. Wichtig wäre doch vielmehr eine Erziehung hin zu verantwortungsvollem Konsum – egal welcher Substanz – oder gänzlichem Verzicht. Die Mittel dafür könnten zum Beispiel aus den Steuereinnahmen, die auf Anbau, Verkauf und Erwerb durch Erwachsene erhoben werden können, geschöft werden. Jugendliche und Erwachsene mit problematischem Konsumverhalten könnten sich endlich an Beratungsstellen und Therapie-Einrichtungen wenden, ohne Kriminalisierung und Strafverfolgung fürchten zu müssen.

Ich halte eine Freigabe ab 21 oder sogar 25 Jahren für sinnvoll und gerechtfertigt.

Der Straßenverkehr sollte komplett drogenfrei sein

Studien aus den Niederlanden (z.B. auch zu sehen in der eingangs erwähnten WDR-Sendung), haben zu dem erstaunlichen Ergebnis geführt, dass Cannabis-Konsumenten sich beim Autofahren bis zu einem gewissen Grad sogar vorsichtiger verhalten, weil sie die Wirkung auszugleichen versuchen. Unabhängig davon bin ich der Meinung, dass der Straßeverkehr komplett drogenfrei sein sollte, von mir aus könnte auch die Alkohol-Toleranzgrenze weiter gesenkt und/oder Strafen bei Verstoß deutlich erhöht werden. In diesem Fall hat die Sicherheit absoluten Vorrang – denn hier wären wir wieder beim Thema Fremd-Gefährdung.

Um das Fazit aus besagter WDR-Sendung aufzugreifen: Wir müssen uns die Frage stellen – Wollen wir eine weitere legale Droge in unserer Gesellschaft?. Alkohol und Tabak machen schon genug Probleme, das ist richtig. Und dass beides erlaubt ist, ist für sich genommen kein Argument dafür, andere Drogen zu erlauben. Bei härteren und synthetischen Drogen kann ich mich auch nicht überwinden, das so zu sehen. Wenn das Verhältnis aus positiven und negativen Nebenwirkungen allerdings so eindeutig ausfällt und die Verfolgung mehr Probleme bereitet als der Konsum selbst, noch dazu einfach absolut erfolglos ist und nur den Schwarzmarkt und seine Kriminalität begünstigt – dann schließe ich mich dem Ausruf an: Gebt das Hanf frei!

Wer es tatsächlich bis hier her geschafft hat: Vielen Dank für die Aufmerksamkeit und die Zeit.

** Diesen Artikel werde ich von Zeit zu Zeit ergänzen und mit weiteren unterstützenden Quellen unterfüttern und nach Möglichkeit natürlich auch ggf. widerlegte Argumente revidieren. **

Notes:

  1. http://www.saarheim.de/Anmerkungen/verhaeltnismaessigkeit.htm
  2. http://www.jura-schemata.de/verh%E4ltnism%E4%DFigkeitsprinzip.htm
  3. http://www.sueddeutsche.de/politik/gesetzentwurf-der-gruenen-cannabisgesetz-stoesst-auf-ablehnung-1.2402398
  4. http://www.rp-online.de/nrw/polizeipraesident-fordert-cannabis-soll-legal-werden-aid-1.3985931
  5. http://www.rp-online.de/nrw/polizeipraesident-fordert-cannabis-soll-legal-werden-aid-1.3985931
  6. http://www.focus.de/politik/deutschland/ein-appell-von-rainer-wendt-deutschland-verheizt-seine-polizisten_id_4294306.html
  7. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/legalisierung-von-cannabis-strafrechtler-wollen-drogen-gesetzgebung-reformieren-a-963054.html
  8. http://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2014-04/drogenpolitik-deutschland-cannabis/seite-2
  9. http://www.welt.de/politik/deutschland/article122199341/Deutschland-wird-zur-Kiffer-Republik.html
  10. http://www.rauchfrei-info.de/informieren/verbreitung-des-rauchens/raucherquote-bei-erwachsenen/
  11. http://www.huffingtonpost.de/2014/05/06/cannabis-mythen-marihuana_n_5271534.html
  12. http://www.kenn-dein-limit.info/alkohol-in-zahlen.html
  13. http://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2014-02/cannabis-kiffen-tod-marihuana-rechtsmedizin
  14. http://www.focus.de/gesundheit/ratgeber/psychologie/sucht/deutsche-studie-alkohol-is-114-mal-toedlicher-als-marijuana_id_4499152.html
  15. http://www.focus.de/gesundheit/videos/das-nervengift-der-gesellschaft-die-wahrheit-ueber-alkohol_id_3067788.html
  16. http://www.cannabis-med.org/data/pdf/de_2007_02_1.pdf
  17. https://www.ukb.uni-bonn.de/42256BC8002AF3E7/vwWebPagesByID/90C6ACAAF312C651C12572F7002AD943
  18. http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=wi&dig=2011%2F12%2F31%2Fa0034&cHash=989b1e6632
  19. http://www.hanfplantage.de/cannabinoide-muttermilch-gefunden-substanzen-marihuana-24-07-2012
  20. http://www.drugcom.de/topthema/april-2010-psychose-vom-kiffen/
  21. http://www.pharmawiki.ch/wiki/index.php?wiki=Cannabis_Psychose
  22. http://hanfverband.de/inhalte/cannabis-wirkung-nebenwirkungen-und-risiken
  23. http://www.welt.de/politik/deutschland/article137033722/Mehr-Leute-sollen-Cannabis-als-Medizin-bekommen.html
  24. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/cannabis-fuer-schwerkranke-gericht-erlaubt-erstmalig-anbau-a-982244.html
  25. http://www.taz.de/!57157/
  26. http://www.planet-wissen.de/natur_technik/pflanzen/hanf/harry_anslinger.jsp
  27. http://www.huffingtonpost.de/2014/09/22/oktoberfest-wiesn-alkohol_n_5862010.html
  28. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/autos-aus-hanf-naturfasern-werden-in-der-karosserie-verbaut-a-878973.html
  29. http://www.dw.de/deutscher-umweltpreis-f%C3%BCr-mehr-hanf-im-haus/a-17178750
  30. https://www.youtube.com/watch?v=Qh2sWSVRrmo

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